LETZTBEGRÜNDUNG  

nach Harald Holz

 

Vorbemerkung: Im Folgenden geht es nicht bloß um Widerlegung das Thema betreffender skeptischer Einwände, vielmehr ist beabsichtigt zu zeigen, daß - und wie ansatzweise – die Argumentationsweise eben dieser Letztbegründung schon in nuce eine ganze philosophische Systematik – auf neue Weise: d.h. evolutiv offen – in sich enthält.

 

„Letztbegründung heißt in Philosophie und Wissenschaftstheorie die Rückführung von Geltungsansprüchen hinsichtlich Wahrheit und Gewißheit auf letzte sichere Grundlagen. Eine solche Strategie der Rechtfertigung mit dem Anspruch auf Selbst- und Letztbegründung tritt das Erbe der Ursprungsphilosophie an, denn sie hält die Strategie des voraussetzungslosen Anfangens für unabdingbar. Das Problem, den sog. ‚archimedischen Punkt’ einer absolut sicheren Erkenntnis aufzufinden“ (so im Wikipedia-Stichwort: „Letztbegründung“, vom 30. Januar 2011, 23.02 Uhr; unter: „Creative Commons Attribution/Share Alike) – um den zitierten Text zu Ende zu bringen - , beinhaltet nun offenbar andere Denkstrategien, als sie die irgendwie historisch gewordene (oder werdende) Philosophie, mit wenigen Ausnahmen, zu bieten hat. – Ob man übrigens „Letzt-“ oder aber „Erstbegründung“ sagt, hängt vom jeweiligen Standpunkt ab: entweder aus ‚unserer’ Perspektive (des Reflektierenden) oder aber aus der Perspektive ‚der Sache selbst’ (des Reflektierten).

 

I.° - Durchgängige Voraussetzung der heute diskutierten Versuche einer philosophischen Erst- oder Letztbegründung ist – außer der im Folgenden unter NB.1 aufgeführten Voraussetzung – die durchweg logisch transitive Urteils- bzw. Schlußcharakteristik, wie sie auch z.B. J. Habermas u. Andere in dem Einwand denken: Ist ’Begründen’ ein logisch transitiver (d.h. ‚terminativischer’, nämlich im allerweitesten Sinne gegenstandsbezüglicher, etwasheitlich/­quidditativ artikulierter) Vorgang, z.B. in Gestalt einer Schlußreihe (nach der aristotelischen Syllogistik), so ist Letztbegründung natürlich in der Tat unmöglich. In diesem Verständnis ist Letztbegründung, in welcher ‚getarnten’ Form auch immer, nicht ‚beweisbar’.

Daß es außer einem Erkennen in Form von (logisch transitivem, nämlich syllogistischem) Fremd- oder Ander-Erkennen (dessen Inbegriff in allen Wissenschaften die Norm rationaler, d.h. vernunftbegründeter Mitteilung bzw. Nachrichtenvermittlung darstellt), darüber hinaus auch noch einen anderen, weiteren Typus von Urteilen gibt, nämlich selbstreduplikative Urteile, ist dem philosophischen Bewußtsein des Zeitalters, wie es scheint, nicht im Mindesten bewußt. – Eine Grenzüberlegung, daß die Gesamtheit aller Urteile keineswegs mit dem Typ der logisch-transitiven, d.h. subjekt-objektlichen, im üblichen Sinne syllogismusfähigen (also hier: sog. ‚terminativischen’) Urteile ausgeschöpft wäre, welche Urteile <transitivistischer Art> dann freilich beim Versuch einer Letztbegründung mit dem gegenständlich verstandenen Gehalt z.B. eines ‚Ich’, eines ‚Selbstbewußtseins’ und dgl. mehr herumexperimentieren müssen, erscheint zwar diesem Epochenbewußtsein auch problematisch, wird aber unter, z.T. gänzlich unberechtigter, Verallgemeinerung gewisser Paradoxienkontexte aus der Mathematik (und der mathematischen Logik) als unvermeidlich in Kauf genommen.

 

II.° - Wie würde man also in Kürzestform, unter Beibehaltung der Intention aller Fundierungsargumente, eine Überlegung zur ‚Letztbegründung’ darstellen?

Vorausbemerkung: Im Unterschied zur sog. Transzendentalpragmatik ist der Ausgangspunkt hier nicht die Kommunikationsgemeinschaft, als deren bevorrechtigter Vertreter das, vervielfältigte, Ich fungiert; vielmehr wird angesetzt an der Differenz zwischen Aussageinhalt und Intention (illokutiver Sprechakt), insofern letztere vollzogen (performativ), und zwar sodann mit Bezug auf Letzteres, insofern eben dort und einzig nur dort  der sich selber aufhebende Widerspruch als ausweitungs- bzw. damit auch Systematik-fähig erweisen läßt.

Somit lautet die Antwort: (in einer Kürzestdefinition):

Letztbegründung ist durchführbar als Reflexion einer nicht logisch-transitiven (d.h. nicht-terminativischen <s.oben>), nicht-tautologischen, nicht-fehlerhaft-rückläufigen Geltung/Gültigkeit als Selbstbeziehung: wie sie in selbst­reduplikativen Urteilen in exemplarischer, unmittelbar operativer Evidenz zu bewußter Formung gelangt: so z.B. in Urteilen wie den folgenden:

1.° - a) „Wenn auch alles Beliebige oder auch Alles beliebigerweise zweifelhaft ist (... als ... fungiert), gilt unmittelbarst: DASS bezweifelt wird: ist unmöglich bezweifelbar, verneinbar“. - ‚Beliebiges’ kann hier alles Mögliche und Unmögliche bedeuten, jedenfalls insofern es durch eine grundsätzlich negative Bestimmung (logisch: universalen Negatoperator) charakterisiert wird; im Beispielurteil also: „zweifelhaft“. - Unter Verwendung des ‚Intelligibilators’ (der Terminus stammt von K.W. Zeidler) ‚insofern’ ergibt sich die genannte Form: „Wenn auch alles Beliebige oder auch Alles beliebigerweise zweifelhaft ist (... als ... fungiert), so gilt unmittelbarst: insofern überhaupt gezweifelt wird: DASS eben dies unmöglich bezweifelbar ist“ (s. dazu aber auch weiter unten Nr. 3.°).

b) Dieses Urteil kann nun verändert werden, indem man formuliert: „Alles Beliebige als zweifelhaft bzw. negierbar, insofern ein solches [zweifelhaft (bzw. ‚negativ grundcharakterisierbar’)], ist notwendigerweise zweifelhaft.“ – Aber dann wäre nicht mehr - wie im Satze: „Alles ist zweifelhaft bzw. geltungsweise negativ charakterisierbar“, ja tatsächlich der Fall - das schlichte, einfachhinnige Gegebensein, Da-Sein o.ä. als Gehalt der Aussage bzw. Behauptung das ausdrücklich reflektierte Thema; vielmehr wäre dann schon das ‚Was’ bzw. ‚Wieder Prädikation und dessen (modale) Identitäts- sowie Notwendigkeits- bzw. Unmöglichkeitsbeziehung zum Thema geworden (und insoweit müßte der Schlußteil des Satzes <b)> dann lauten: „... ist unmöglicherweise zweifelhaft“); wohingegen im Originalurteil ‚1.°,a)’ das reine ‚Ob’ in der Frage seiner Gültigkeit überhaupt thematisch ist.

2.° - a) „Beliebiges, insofern ein solches, ist notwendigerweise ein solches.“ – b) „ Beliebiges, insofern ein solches, ist unmöglicherweise nicht ein solches.“ – Daraus folgt unmittelbar die Schlüssigkeit der Urteile: c) „Der Gehalt von ‚a)’ und ‚b)’ ist behauptungsweise identisch.“ – Sowie: d) „Die in Urteil ‚c)’ ausgesprochene Identität ist mit der in den Urteilen ‚a)’ und ‚b)’ geltenden vermöge des Operators ‚insoferngeltungsformal identisch.“ – M.a.W. Identität wird hier keinesfalls in der Verwendung des Terminus „als solches“ einfachhin gesetzt (bzw. derart also unbegründeterweise ‚voraus’~gesetzt); von einer derartigen Hergangsweise lebt ja die Tautologie: A = A); vielmehr wird erst durch den Gültigkeitsoperator ‚insofern’ die Bedeutung von „als solches“ (und zwar schlechthin je erstmalig) urermöglicht.

3.° - Man könnte  nun die grundlegenden Urteile von 1.° und 2.° kombinieren, in-sofern man den Urteilen von 2.° die Bedingungsform gibt: „Auch wenn schlechthin Beliebiges/a, insofern ein solches: trotzdem schlechthin beliebig/b sei, so ist doch: daß ‚Beliebiges/a’ und ‚beliebig/b’ ein und dasselbe bedeuten, also identisch sein müssen – soll die Beliebigkeitsaussage überhaupt etwas bedeuten - , unbedingterweise als gültig erfordert.“ – Man sieht auch hier schon den geltungsweisen - natürlich nicht: inhaltsintentionalen - Zusammenfall (Koinzidenz) von Notwendigkeit, Identität und Gegebensein-Müssen (seiend-Sein). M.a.W. besagte Koinzidenz gilt auch als solche aussagen- und modallogischerweise.

Alle unter ‚1.°’ ‚2.°’ (und ‚3.°’) angeführten Urteile sind somit geltungslogisch relevant, nur sind die dabei angezielten Fundamentalfragen intentionalperspektivisch voneinander unterschieden: ‚a)’ und ‚b)’ sind unmittelbar urteilender- und ‚c)’ und ‚d)’ unmittelbar schlußweise evident.

NB.1 – Wie aus allem bisher Gesagten überdeutlich geworden sein dürfte, ist außer dem formallogischen Bezugsgerüst auch subjektstheoretisch – (in älterer Ausdrucksweise: ‚logistisch’ formuliert: pragmatisch) – die ‚Ernsthaftigkeit’ aller hier relevanten (neoempiristisch oder auch phänomneologisch gesehen) Sprech- bzw. (transzendentalphilosphisch betrachtet) Denkakte konstitutiv.

NB.2 – Man sieht hier übrigens systemrelevant sehr deutlich, daß – wie ja implizit auch schon in den ‚insofern-Urteilen’, wenn auch dort anders – hier eine Urform des logischen Schließens sich ‚wie von selbst’ als systemisch notwendig ergibt. – Was das noch fehlende dritte Glied des überlieferten systemischen Dreischritts von Schluß, Urteil, Begriff anbetrifft, so liegt hier der Fall vor, daß der Bereich, aus welchem sich der Begriff umfangs- und inhaltsmäßig erstellt - hier unter gegenstandstheoretischer Hinsicht - gleichsam nur indirekt, nämlich als Bedingung, gegeben ist. Als systemisch (wenn man denn in diesem Rahmen von einer Art ‚System’ sprechen will) relevant und integriert fungiert hier der erste Allgemeinbegriff (nach Umfang und Inhalt) natürlich als Mit-Grund, wie Urteil und Schluß auch; nur handelt es sich hier, so wie bei den Urteilen, auch bei den Begriffen wie auch den Schlüssen um je eine im Rahmen selbstapplikativer (nicht~tautologischer ... usw.) Begründung sich variierende Formung derselben.

Zur Diskussion (A):

1. – Natürlich hintergreift diese Argumentation den (wenigstens z.T. gewollt oder ungewollt neoempiristischen) Problemboden einer jeden Sprechakttheorie,

2. - wie sie es auch ablehnt, den Begriff einer philosophischen Vernunft von Denkergebnissen anderer Wissenschaften, und seien es auch so formale wie Mathematik und (mathematische) Logik

3. - bzw. so autoritätsgesättigte wie eine jegliche Theologie, welcher Art auch immer, bzw. eine von einer solchen letztaxiomatisch bestimmten Philosophie: einschränken bzw. davon wesenhaft mitbestimmen,

4. - sowie endlich noch von einem rein lebensweltlichen Boden aus (z.B. einem interpretationistischen Konstruktivismus <Konstruktionismus> bzw. Neopragmatismus) sich den eigenen Problematisierungsrahmen vorgeben zu lassen. (Jedesmal ist das Scheitern von Letztbegründung dann ja schon apriori mit einprogrammiert.)

5. - Aber auch gemäß einer allgemeinen Phänomenologie erscheint Letztbegründung unmöglich, da ein Faktum (auch) der Vernunft, sei es noch so sehr methodologisch bzw. problemthematisch stufen- oder rangtheoretisch als solches (Faktum) und sodann als solches (!) als Verallgemeinerungsanlaß (z.B. bei Husserl die betreffende ‚Wesenheit’) reflektiert, niemals Grund für allgemeine Regeln mit Gesetzesrang sein kann.

6. - Bei Heidegger bliebe – abgesehen davon, daß er ausdrücklich Letztbegründung des Subjekts als in sich widersprüchlich, ablehnt: was implizit einen verdinglichten Subjektivitätsbegriff voraussetzt - zumindest in seiner Spätphilosophie, für jedes denkende Bemühen letzt- (oder erst-) rangig das offene Fragen nach einer als Letzthorizont allgemeinen Sinnvoll-werden-Könnens fungierenden Instanz, genannt ‚Sein’. Es ist aber grundsätzlich gerade fraglich, ob ein Fragen, das mindestens methodologisch bei sich selber (gleichsam gegenstandsanalytisch), aus welchen Gründen auch immer, stehen bleibt, die Erfordernisse, die traditionell mit Recht von einer Letztbegründung erwartet werden können, zu erfüllen vermag.*)

*) Man mag freilich dem Heideggerschen Begriff  des Seins (Seyns) in einer späteren Entwicklungsphase seines Denkens de facto Letztbegründungsleistungen zubilligen; doch läßt gerade dieser Begriff die für einen derartigen Anspruch unnachlaßlicherweise erforderliche problemthematische und methodologische Klarheit vermissen; statt dessen scheint dieses Denken, mythologische Randgebiete nicht meidend, in Bereiche jenseits strenger Vernunftwissenschaftlichkeit abzuschweifen.

Kritischer Einschub (1.): Statt all dessen wird man, wenn schon Letztbegründung, dann von der Forderung unmöglich abgehen können, daß eine derartige Gesetzesallgemeinheit methodisch zureichend begründet und problemthematisch entsprechend fundiert sein müsse. Eine derartige Grundlegung wird wiederum ohne Rückgriff auf eine schlußweise verfahrende Logik nicht möglich sein. – Wie aber bewältigt man von diesem Standpunkt aus das dann unvermeidlich sich erhebende Problem, daß ‚Schließen’ eben üblicherweise ein ‚transitiver’ Vorgang - mit der Gefahr eines regressus in infinitum - ist?

7. – Die Transzendentalpragmatik setzt, genau genommen, das problemthamtisch und methodologisch Geforderte einer reflektierten Erst- oder Letztbegründung gewisser tragender Begriffe als quasi-(transzendental-) phänomenologisch geklärt voraus, so vor allem den Begriff: formal widerspruchsfrei bzw. (‚an sich’) formal konsistent, und zwar insoweit, als grundsätzlich nur aus der Praxis eines stattfindenden bzw. gelingenden Vielgesprächs auf dessen Ermöglichungsgründe hin reflektiert wird. Faktisches ‚Gespräch’ ist eben geltungsmäßig einfachhin nicht menschlicher Urvollzug; vielmehr besteht/fungiert dieser als das in der Sprechakttheorie infolge der eingezogenen Differenz von Inhalt und Intention kassierte, sachlich mit- bzw. vorausgesetzte ‚Denken’ (ob auch mittels Sprache) und zwar als Fragen nach: „ob Gültigkeit/Geltung überhaupt ... oder nicht?“. Insofern allein eine Reflexion auf letzteres als solches in seiner Stringenzevidenz fähig ist, im Vollzug die genannte Begriffseigenschaft des formellen Widerspruchsausschlusses als notwendig aufzuweisen, wird in der Transzendental-Pragmatik jedoch eben nur zunächst auf ein im Sprechakt eines jeden Einzelnen (als eines Ichs) sich gebendes Bewußtseinsfaktum und sodann (nicht notwendig zeitlich später, sondern in der Geltungsordnung) auf eine dergestalt im Voraus/apriori mitgegebene, intersubjektiv erforderliche Voraussetzung-Gültigkeit als Grund nur implizit (!) reflektiert.

Kritischer Einschub (2.): Keine dieser Strukturbeschaffenheiten, die sich als  intersubjektiv zu bewähren haben, ist im Sinne einer strukturfunktionalen Fundamentalanalyse einer allgemeinen – (nicht im Sinne einer Vergemeinschaftung Einzelner (als Ichen)) - Stringenzreflexion streng (voll) transzendental. Die sog. ten Erstgrundsätze fungieren hier eher als Axiome, nicht als Prinzipien. Phänomenstruktural ist hier Evidenz somit nur als eine solche sog. letzter Faktizität, wenn auch höchster, sogar unabweisbarer Wahrscheinlichkeit [s. hier unter: III.° c)], gegeben, nicht jedoch  (als eine solche letzthorizontlich notwendigerweise, d.h. aufgrund des formallogischen Selbstvollzugs selber als solchen unmittelbarst und absoluterweise aus sich (a se) gezwungenermaßen: apriori’. - Ebenso werden natürlich die besonderen Urteilsformen der Reflexionspragmatik, insofern sie als selbstapplikativ implizit stringenzevidenterweise syllogal sind, schon voll  vorausgesetzt. – (Allerdings dürften die Axiome der Dialogpragmatik als nachgeordnete ‚conditiones sine qua non’, an entsprechend systemischer Ordnungsstelle, sodann eine unersetzbare Funktion haben.)

8. - Man sieht sofort, daß hiermit auch das vom Konstruktivismus sowie allen Arten des (Neo-) Empirismus/Positivismus öfter vorgebrachte sog. Münchhausen-Trilemma elegant unterlaufen wird: Die Fundamental- bzw. Urform allen Urteilens ist nicht ‚linear’ – um den Begriff ’logisch transitiv’ einmal zu verbildlichen - , sondern quasi-zirkulär, genauer (verbildlicht): wendelförmig oder auch quasi-spiralig: Das Trilemma besagt in mathematischer Bildlichkeit so: Eine Linie ist entweder endlos oder man springt aus ihr hinaus (z.B. auf einen anderen, gänzlich unverbundenen ‚Punkt’) oder sie läuft rein iterativ immer nur in sich selbst zurück (dies eine Art von tautologisch-monadizistischer Eigenschaft). - Keines trifft für den jetzigen Vorschlag zu, ja ist überhaupt auch nur von ferne für ihn relevant. Dabei darf die hier belangvolle Selbstbezüglichkeit keinesfalls mit dem circulus vitiosus (und natürlich ebensowenig mit einem sog. ‚hermeneutischen Zirkel’) verwechselt werden: dann übersähe man genau den genannten transzendentalen Aspekt als zentral, und auch ein Transzendentalbezug zwischen gegenständlichen Gehalten führte hier nicht weiter, vielmehr auf die erwähnten Irrwege.

Nochmals Kritisch (3.): Man sieht, auf allen hier angeführten Wegen ist ein Scheitern des Versuchs einer unbedingten Erst- bzw. Letztbegründung unausweichlich. Allen sonstigen Versuchen auf dem hier vorausgesetzten gegenstandsphilosophischen bzw. etwasheitlich theoretisierten Erkenntnisboden, in welcher Verkleidung auch immer, wird unvermeidlich ein gleiches Schick­sal beschieden sein.

 

III.° - a) Die – (in einem über den aristotelisch-wissenschaftstheoretischen Gebrauch hinausgehenden Begriff) - ‚Begründung’ oder richtiger: Grundlegung liegt in der nicht-terminativischen, nicht-etwasheitlichen bzw. nicht logisch-transitiven, vielmehr streng strukturologisch ‚transzendentalen’ Sichtweise: Es handelt sich um eine explicatio implicati potentiâ implicati ipsius, aber dergestalt, daß die Fundierungs- bzw. Begründungsbeziehung zwischen implicatum (explicaturum) und explicatum (antea implicatum qua explicandum) keineswegs logisch-transitiverweise (und demzufolge z.B. linear-syllogistisch) abläuft – (dt.: die Entfaltung des dem Vermögen-zu gemäß Einbeschlossenen ... zwischen Einbeschlossenem, aber Auszufaltendem  und Entfaltetem, zuvor Einbeschlossenen bzw. zu Entfaltendem); vielmehr wird der besonderen Frageweise, die auf das ‚Aufgrund-wovon-ermöglicht<worden>sein’ abzielt, Genüge getan: wobei für die Beantwortung eben dieser Frage die universale Gültigkeit logischer Transitivität als zwingenden Verstehenshorizonts für diesen Fall außer Kraft gesetzt und statt dessen eine andere Bezugsform als unmittelbar denkermöglichend angenommen wird: Diese andere Bezugsform stellt sich dann im Verfolg des intentionalen Vollzugs besagter Urteile [‚1.°’, ‚2.°, a), b), c), d)’] als absolut zwingend heraus: Sie wird terminologisch zureichend, aber auch ausschöpfend bezeichnet mit dem Begriff ‚Selbst’-Beziehung, ‚Selbst’-Reflexion, d.h. also: ‚Selbst’-Bewegung des Gedankens bzw. genauer: ‚Selber’-Bewegung des (‚als solches sich vollziehenden’) Denk~ens, methodologisch bzw. problemthematisch also einer strikt formalen ‚noéseôs nóesis’ (Denken des Denkens: Aristoteles: Met. Λ <Lamda> 9. Kap.*). – Auch der dabei funktionalerweise mindestens implizit mitgesetzte Zeitaspekt – („Ermöglicht<worden>sein“) – ändert daran nichts, wird bzw. ist vielmehr schon immer geltungsvoraus mitbetroffen (in Wittgensteinschem Jargon: mit-infiziert).

* (Allerdings wird hier von allen ontologischen Voraussetzungen der Aristotelesstelle völlig abgesehen. - Es dürfte umgekehrt vielmehr sogar so gewesen sein, daß Aristoteles eine intuitive Konnotation der hier thematisierten Zusammenhänge assoziiert haben könnte/dürfte.)

b) Klarerweise ist diese ‚Auto~ität’ (nicht also: Autorität!) bzw. besser: ‚Selbst’~lichkeit durch keinerlei gegenständlichkeitliche Gehalte belastet und verunklärt; vielmehr handelt es sich um reine Formalbeziehungen bzw. reine Bezüglichkeiten primärformaler Art als solche, und zwar gerade nicht als gegenständlich ander-, vielmehr als nichtgegenständlich nicht-ander-bezüglich. Damit erscheint auch in der formalen (!) Logik eine entsprechende Erst- oder Vorausbegründungs-Perspektive etabliert, welche (Perspektive) sich ihrerseits zu aller gegenstandsbezüglichen Logik als deren transzendentale Voraussetzung verhält.

c) Folgerichtig ist dies nun aber, um es nochmals zu wiederholen, keinesfalls eine logisch-transitive Denkbeziehung – (‚Beziehung’, womöglich noch in alter Weise gemäß der aristotelischen Kategorie gedacht) - , in welcher, wie ebenfalls schon hier einmal formuliert, an die Stelle des logischen terminus ad quem etwa z.B. zum ‚besseren Verständnis’ (?!) einfach das Prädikat ‚Ich’ usw. gesetzt würde; dann wäre außerdem die Versuchung, einfach die erste-Person-Sichtweise durch die dritte-Person-Sichtweise zu ersetzen, unabwendbar. - Hier liegt vielmehr eine andere, so bisher nicht thematisierte, (Quasi-)-Kategorie von Urteilen vor: Sie wurden im Vorigen als „selbstreduplikativ“ bezeichnet. Damit gelangt also ein eigener Urteilstyp zur Evidenz, der weder analytisch-<tautologisch> noch synthetisch aposteriori noch auch synthetisch apriori reflexiv-gegenständlicherweise fungiert, sondern letzteres striktestens relational-formalerweise [den ‚synthe­tisch-apriori-formalen Wahrheiten’ der dialogischen Logik (P. Lorenzen, K. Lo­renz, und deren Schule) vorausgehend] (‚Relation’ als vor~terminativ gedacht).

 

IV.° - Der Schritt hin zu Gegenständlichkeit überhaupt, und damit zu Systematisierungsmöglichkeiten im traditionellen Verständnis (z.B. gegen W. Kuhlmann), geschieht dann vermöge einer scheinbar geringen, in Wahrheit aber geradezu umstürzenden Formänderung vorbesagter Urteile, und zwar durch eine Verschiebung der Negation des (judizial bzw. konklusional) bestimmten Negatoperators): So etwa:

Zu: ‚1.°)’: „Wenn nicht alles Beliebige bzw. nicht Alles beliebigerweise zweifelhaft (... usw.) ist, dann gilt in Hinsicht, daß ge-(be-)zweifelt wird: möglicherweise dies universal oder partiell auch nicht.“ - Und: „Beliebiges Zweifelhafte (... usw.), insofern nicht ein solches, ist (fungiert) nicht notwendigerweise (als) ein solches“. - Damit erscheint ein nicht-absoluter, d.h. kontingenter Geltungsmodus hinsichtlich seines Zutreffens erstmalig artikuliert (s. dazu auch noch weiter im folgenden unter: „Rückblickend ...“).

Zu: ‚2.°)’a*) „Beliebiges, insofern nicht ein solches, ist nicht notwendigerweise ein solches.“ – b*) „ Beliebiges, insofern nicht ein solches, ist nicht unmöglicherweise nicht ein solches.“ – Und entsprechend: c*) „Der Geltungsgehalt von ‚a*)’ und ‚b*)’ ist zwar zureichenderweise, nicht aber, wie auch immer, komprehensiverweise identisch.“ – d*) „Die in Urteil ‚c*)’ ausgesprochene Identität ist mit der in den Urteilen ‚a*)’ und ‚b*)’ geltenden vermöge des Operators ‚insoferngeltungsformal zureichenderweise, nicht aber, wie auch immer, komprehensiver- oder ausschöpfenderweise identisch.“

NB.3 - Der Unterschied zwischen „zureichenderweise, ...“ und „komprehensiverweise identisch“ meint: formal liegt Identität zureichenderweise vor; da es sich jedoch um Beziehungen zwischen Möglichem als solchem handelt, das als dergestaltiges (gegenständlich Mögliches als solches) grundsätzlich und immer auch das Zukünftige dieses Möglichen mitbeinhaltet, es aber niemals feststeht, ob genau dieses Mögliche auch als gegenständlich faktisch ausschöpfenderweise wirklich (werden) wird, liegt hier eine Einschränkung auch seiner Weise, (gegenständlicherweise) identisch sein zu können, vor: d.h. keine komprehensive (ausschöpfende) Identität.

Damit ist grundsätzlich sowohl subjekt- als auch objekttheoretische Kontingenz in universaler Weise ermöglicht, ohne daß die Absolutgeltung des in II.° und III.° Dargelegten betroffen wäre. – („Systematisierung“ im traditionellen Verständnis ist dann, wie gesagt, insoweit ermöglicht, als beide Formen logischer Fundamentalorientierung, wie hier skizziert, methodologisch miteinander verknüpft und als solche Anlaß und Grundlage vielfältigster nunmehr subjekt- wie objektphilosophischer Kombinationen mit allen Implikationen und Konsequenzerweiterungen – die Gestaltung von in der Regel traditionellen sog. philosophischen ‚Systemen’ - werden können.)

Rückblickend erweist sich diese Ermöglichung von geltungskontingenter  Aussagbarkeit mittels Verschiebung des Negatoperators durch eine an dieser Stelle sich artikulierende universale Fraglichmachung bzw. Fragbarkeits-Ermöglichung als grundlegend  vorweg begründet (bzw. apriori konditioniert).

NB.4 – Ferner ist die Präzisierung des in den beiden letzten Urteilen – ‚c*)’ und ‚d*)’ – auf die soeben erfolgte Weise, nämlich durch den Zusatz „wie auch immer“ zum Negatoperator „nicht“ insoweit erforderlich, als in den beiden vorausgehenden affirmativen Urteilen – ‚c)’ und ‚d)’ - in ihrer originalen Form ja, wie gesagt, das schlichte geltungsmäßige/gültigkeitliche Zutreffen behauptet wurde. – Nun wußte schon Aristoteles, daß grundsätzlich gilt: Was wirklich ist, ist insoweit auch möglich, - was darin begründet ist, daß es – in dieser oder irgendeiner anderen Welt - als vergangen tatsächlich (auch schon) wirklich war bzw. immer noch ist oder zukünftig sein kann (s. auch NB.1); ferner könnte ja auch noch eine gewisse, eingeschränkte, Notwendigkeit mit im Spiel gewesen sein. (Daß im übrigen ein Wirkliches auf anderes Wirkliche zurückgeführt werden kann, ist eine Binsenwahrheit.) - Insoweit wurde also der Prädikatzusatz eingeführt: „wie auch immer“, um die besagten Varianten anzudeuten.

NB.5. – Allgemeiner betrachtet, ist zwar mit der vorbesagten Negatorverschiebung ((„zu: 1.°)“ sowie: „zu 2.°)“) eine unter Inhaltsrücksichten ganz wesentliche Einschränkung bzw. Variation des ursprünglichen Formalgerüsts unter Geltungsrücksichten eingeführt. Dennoch gilt auch unter diesen zunächst inhalts-, sodann auch umfangslogisch veränderten Fundamentalbedingungen die formaliter (formalerweise) gleiche Stringenz wie unter der vorausgehenden Rücksicht einer absoluterweise erst- bzw. letztbegründenden Reflexion überhaupt, also der zuvor hier so bezeichneten: Reflexionspragmatik als solcher (s.: Zur Diskussion: 7.).

 

Literatur:

Harald Holz, Werkausgabe (projektiert 42 Bde.) bisher erschienen 18 Bde., Bochum u.a., 2009 ff., daraus zum Thema:

Bd. 1,  (2009): System der Transzendentalphilosophie im Grundriß, I. bes.: II. u. III. Kapitel;

Bd. 3, (2010): Transzendentale Formalphilosophie I., bes. II. Kapitel;

Bd. 4, ( 2010): dass. II.: I. Kapitel;

Bd. 6, (2009): Gesammelte Aufsätze zur Transzendentalphilosophie I., bes. 5. Kapitel: Gödels Unvollständigkeitssätze und das Problem der Letzt­begründung, 7. Kapitel: Erstbegründung von Geltung zwischen Urteil und Schluß, 8. Kapitel: Letztbegründung als formaler Grenzwert im Kontext der Ich-Identität;

Bd. 7 (2009): dass. II.: bes.: 1. Kapitel: Urteilsvierkant und Coincidentia Oppositorum: Eine überdialektische Logik?! 6. Kapitel: Transzendentalphilosophie (TRE), 15. Kapitel: Zwei Arten der Normlogik: betreffend Termidentität und Koinzidenz;

Bd. 8, (2011): Schriften zur Transzendentalphilosophie, I.: Einführung in die Transzendentalphilosophie, hier bes.: 3. c) Grundzüge einer allgemeinen System-theorie, in Form von grundlegenden Postulaten, d) Relationalität als Fundamentalstruktur, 4. Allgemeine prinzipienlogische Grundlegungsstruktur, - II. Immanente Transzendenz, hier insbesondere: 4. Ein Nukleus transzendentaler Formal-intuitionen: Über Binnenstrukturen philosophischer Letztbegründung, 5. An den Grenzen der Widerspruchsfreiheit. Einige Aspekte einer intensionalen Formallogik; - III. Philosophisch-logische Abhandlung, Entwurf einer transzendentalen Erkenntnistheorie zur Grundlegung formaler Logik, hier bes.: II. Weitere begriffliche Klärungen zur Problemdiskussion, III. Das Wahrheitsproblem  in logischer Hinsicht.

 

Weitere WEB-Suchbegriffe:

Letztbegründung, Geltung, Transzendentalphilosophie, Harald Holz (Philosoph), Internationale Gesellschaft System der Philosophie: Harald Holz - Texte.

 

V.° - ANHANG hinsichtlich der Bewahrheitung des in der Vorbemerkung Gesagten, hier sei schon: „in nuce eine ganze philosophische Systematik – auf neue Weise: d.h. evolutiv offen, in sich“ enthalten:

Problemgeschichtlicher Hinweis auf moderne Anwendungsmöglichkeiten:

Zu NB.1: Hier kommt das Thema des zukünftig Möglichen mit ins Spiel, das bei Aristoteles bekanntlich mit dem Hinweis auf eine zukünftige Seeschlacht kurz erörtert wurde, dann viel später aber in den gnadentheologischen Streitigkeiten der spanischen Barockscholastik wieder aktuell wurde: Setzt man nämlich für die zuletzt erörterten Begriffskonstellationen „zureichend“ und „ausschöpfend identisch“ die betreffenden ontologischen Wirkensgrößen des absoluten, also damals göttlichen Wissens ein, so ergibt sich auf der einen Seite, nämlich derjenigen des schlechthin absoluten „komprehensiven“ Praxis-Wissens, das ja zugleich unendlich in jeder Hinsicht ist, eine Doppelheit, die seinem Gegenüber, dem kontingent-absoluten menschlich freien, und insoweit „zureichend“ gewußten Willen geschuldet ist: a) Hier gilt – immer noch innerhalb des damaligen Weltbildes (!) - hinsichtlich der Übereinstimmung zwischen beiden Wirkensgrößen der allgemeine göttliche concursus mit Ermöglichung freiheitlicher Kontingenz, welcher aber b) dem Geschöpf durch creatio continua sein Dasein usw. verleiht. - Diesen allgemeinsten Bezugshorizont nun kann man interpretativ hinsichtlich unseres Identitätsgefüges mit der Bestimmung „formaler“ Identität gleichsetzen.

Dann aber ergibt sich im Rahmen des molinaschen Entwurfs einer göttlichen scientia media: Das göttliche ‚Wissen’ betreffs der je freien Willensentscheidung des Menschen erscheint zuerst einmal in gewisser Weise (doch) eingeschränkt; dies kann aber, und zwar genau im Hinblick auf den freien Willen des Menschen, dadurch aufgehoben (im Hegelschen Sinne) werden, daß man dieser scientia media – supererogatorisch/übergebührlich - gerade die Eigenschaft einer dialektisch-koinzidentalen Logik zuerkennt: Dies würde besagen, daß dies Wissen – wohlgemerkt: als ‚eines (!)’ – den menschlichen freien Willensentscheid sowohl vorausweiß als auch nicht vorausweiß und dies beides sowohl weiß als auch nicht weiß: wie gesagt: als ‚Eines’! – Damit würde dann aber genau die Intention Molinas abgedeckt, ohne in formale Widersprüche zu verfallen, da ja diese koinzidentale Logik keine solche ist, die über eine 2-wertige extensional hinaus gedacht ist, sondern eine solche, die intensional innerhalb der 2er-Grenze (!) eine Ergänzungsmöglichkeit, und zwar ganz~zahlig, also keinesfalls etwa (quantifikativ) bruchzahlig (!) bedeutet: (extensional unmöglich: daher handelt es sich hier auch nicht mehr um reine Mathematik, sondern um ein Grenzgebiet zwischen ihr und einer <nichtmathematischen!> , d.h. formal intensionalen Logik).

Selbstverständlich waren diese Überlegungen Molina nicht bekannt; aber von der Sache selbst her waren sie natürlich in seinen Überlegungen impliziert, - wenn auch vielleicht in entfernterem Grade. – Hätte er sie dergestalt gewußt, so wäre er damit ganz sicher allen anderen Entwürfen betreffs der gleichen Problematik, diejenigen von Leibniz und Spinoza sowie Malebranche eingeschlossen, überlegen gewesen.

Von mir aus, also von meinem heutigen Standpunkt aus, ist dies zwar alles geschichtliche Rückprojektion; dennoch gibt eben diese Konstellation ein hervorragendes Modell für ganz allgemeine Strukturverhältnisse ähnlicher Intention.

Zu NB.3 – Eine noch andere, moderne Anwendung wäre etwa dann gegeben, wofern man, am Modell der hier soeben gegebenen Ausdeutung der scientia media Luis de Molinas orientiert, anstelle der begriffs- bzw. problemgeschichtlichen Bezugsgrößen: ‚menschlicher-freier-Wille’ und ‚allgegenwärtige-göttliche-Wissensmacht’ die mo­dernen Bezugsbegriffe einsetzte: ‚menschliche-Gehirnaktivität’ und ‚menschliches-Reflexionsbewußtsein-erster-Prinzipien’. – Die problemgeschichtliche Gemeinsamkeit beider Bezugsglieder wäre offensichtlich der Begriff der sich vollziehenden Freiheit. Der entsprechend moderne Gemeinsamkeitsbegriff der beiden Entsprechungsglieder wäre derjenige einer Wirkens-, d.h. Vollzugsgemeinsamkeit, der in einer entsprechend dialektisch-koinzidentalen Identitäts-Mannigfal­tigkeit sein formales Gerüst hätte. [1]

[1] Vgl. dazu: Harald Holz, Werkausgabe, Bd. 29 (2011), Inhaltsverzeichnis, Namensregister.

http://de.wikipedia.org/wiki/Harald_Holz

http://www.findamac.de